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Lavater, Johann Kaspar.


Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Erster (- Vierter) Versuch. In vier BĂ€nden. Mit vielen Kupfern [d.i. mit vier gesto-chenen Titelvignetten, 488 Textupfern und 343 Kupfertafeln]. Leipzig und Winterthur, bey Weidmanns Erben und Reich, und Heinrich Steiner und Compagnie 1775 - 1778. Gr-4°. I.Bd.: VIII S., (6) Bll., 272 S., (4) Bll.; II.Bd.: (5) Bll., 291, (1) S., (4) Bll.; III.Bd.: (6) Bll., 355, (1) S., (4) Bll.; IV.Bd.: XII, 490 S., (5) Bll. Marmorierte LederbĂ€nde d.Zt. auf fĂŒnf BĂŒnden mit RĂŒckenschild und –vergoldung, vergoldete Deckel- und Stehkantenfileten. Etwas berieben, Ecken etwas bestoßen, Deckel teils mit leichten Schab- und Kratzspuren. 20000 €
Erste Ausgabe (Schulte-Str. 77.a; Goedeke IV,262,31 [Lavater] und IV/3,139,131 [Goethe]; Hagen 540 [elf BeitrĂ€ge Goethes] u. 550 [vierzehn BeitrĂ€ge Goethes]; Lanck./O. III, 93f.; Slg.Kippenberg I, 578; Kippenberg, Technik der Silhouette II., 3). - Vereinzelt leicht fleckig, die auf anderem Papier in Winterthur gedruckten Tafeln teils etwas stockfleckig, a.d. weißen VorsĂ€tzen der zeitgenöss. blindgeprĂ€gte Stempel der Bibliothek des dĂ€nischen Schlosses Lerchenborg und handschriftl. Nummer. Rote, gemusterte KattunpapiervorsĂ€tze. Insgesamt ein Ausnahmeexemplar auf bestem, breitrandigem Papier, zeitgenöss. aufwendig gebunden und so gut erhalten, wie seit Jahrzehnten kaum ein weiteres nachweisbar ist. Das Werk wurde in ca 750 Exemplaren gedruckt und ist auch heute nicht selten. Kaum eines aber entspricht Ă€hnlich weitgehend in Bindung und Erhaltung den Kriterien, an denen ein solcher Luxusdruck zu messen ist.
Jenseits ihres heute noch bedeutenden kulturhistorischen Wertes als umfassende Darstellung einer scheinbar obsolet gewordenen Wissenschaft, die damals jedoch in weiten Teilen der Gesellschaft heftig und kontrĂ€r diskutiert wurde, sind die "Physiognomischen Fragmente" in vieler Hinsicht ein Höhepunkt der deutschen Buchproduktion der Zeit, ein Werk, das „in seiner kĂŒnstlerisch kostbaren und reichen Ausstattung und dem vorbildlichen Typensatz nicht nur zu den originellsten, sondern auch schönsten illustrierten BĂŒchern aus der zweiten HĂ€lfte des 18.Jahrhunderts“ gehört (Lanck./O. II,S.222). Angesichts der Vielzahl dargestellter Personen „gewinnt das Werk den Charakter einer Ikonographie bedeutender Menschen des 18.Jhs.“ (Neufforge S.527). „In der Tat sind die auf den 343 Tafeln und 483 [?] Textkupfern gegebenen Illustrationen zu einem großen Teil Bildnisse nach dem Leben, und zwar außer vielen Silhouetten eine Menge großer und wahrhaft kĂŒnstlerisch ausgefĂŒhrter PortrĂ€ts. Alle, die damals in Deutschland, der Schweiz und zum Teil auch in den NachbarlĂ€ndern Geltung hatten, werden uns im Bildnis vorgefĂŒhrt: Dichter KĂŒnstler, Gelehrte, darunter auch geistig hervorragende Frauen.“ (ebda). Allein von GOETHE sind sechs Bildnisse enthalten, darunter dasjenige in Bd.1, S.241, das sein Aussehen nach einhelliger Meinung zu dieser Zeit am treffendsten wiedergibt. Die Anzahl der KĂŒnstler, die LAVATER zur Mitarbeit gewinnen konnte, ist beeindruckend. „Als Stecher und Radierer werden genannt: DANIEL CHODOWIECKI (13 Originale [Engelmann 107, 112-116, 123, 124, 126, 127, 143, 144, 146], 68 Kopien nach ihm), JOHANN HEINRICH LIPS und JOHANN RUDOLF SCHELLENBERG, die den grĂ¶ĂŸten Teil der Kupfer ausfĂŒhrten, ferner DANIEL BERGER, JOHANN CHRISTOPH BERNDT, JOH. BALTH. BULLIGER, CRUSIUS, JOH.CASP. FUEßLI, SAM. GRÄNICHER, JOH.EL. HAID, JOH.HEGI, JOH.JAK.HEIDEGGER, HEß, JOH.RUD. HOLZALB, ANDR.LUDW. KRÜGER, CHRISTIAN DE MECHEL, JOH. NUßBIEGEL, HEINR. PFENNIGER, JOH.GOTTL. PRESTEL, JOH.GOTTFR. SAITER, G.F.SCHMIDT, GEORG FRIEDR. SCHMOLL, INIGO SPILSBURY, JOH.GEORG STURM, HERM.JAKOB TYROFF, EGID VERELST, J.C.VOGLER, VOLKART, MICHAEL WACHSMUTH, J.K.WASER.“ (Schulte-Str.). GOETHE steuerte u.a. eine Silhouette KLOPSTOCKs bei. LAVATER hatte in Vorbereitung auf das Werk (und auch spĂ€ter noch) eine gewaltige Sammlung von Portraits angelegt und Verbindungen geknĂŒpft. Ohne sein unermĂŒdliches BemĂŒhen, die „fĂŒhrenden Köpfe Deutschlands“ fĂŒr dieses Vorhaben zusammen zu bringen, wĂ€re das große Werk nicht bzw. nicht in dieser Form denkbar. Dank seines Kommunikationstalents gelang es ihm, herausragende Autoren der Sturm und Drang-Epoche wie J.M.R.LENZ, J.H. MERCK, J.G.HERDER, in einem frĂŒhen Stadium sogar LICHTENBERG, vor allem aber GOETHE zu mehr oder weniger umfangreicher Mitarbeit oder UnterstĂŒtzung zu gewinnen. Gerade GOETHE engagierte sich in bemerkenswerter Weise, stellte die Verbindung zu PH.E. REICH, dem „Grandison“ des deutschen Verlagswesens her, beaufsichtigte den Druck und trug selbst Texte und Zeichnungen bei. GOETHE war es wohl auch, der durch seinen langsamen RĂŒckzug aus dem Projekt und v.a. durch die spĂ€tere Distanzierung bis hin zur Verleugnung seiner Mitarbeit und dem Bruch mit LAVATER bewirkt hat, dass das große Werk hierzulande nicht angemessen gewĂŒrdigt wird, anders als in den NachbarlĂ€ndern, wo englische, französische, hollĂ€ndische und russische Übersetzungen folgten, allerdings alle in kleinerem Format und mit weniger und abgeĂ€nderten Kupferstichen und Silhouetten. LAVATERs schwĂ€rmerisch-missionarische ReligiositĂ€t, die auch vor bedrĂ€ngender Proselytenmacherei nicht Halt machte und in der Folgezeit nicht nur GOETHE abstieß und ihn zur „Unperson“ bei den aufgeklĂ€rten Köpfen werden ließ, wurde auch zur dauerhaften Belastung bei der Rezeption der "Physiognomischen Fragmente". LAVATER hatte die Arbeit an der Physiognomik von Beginn an nicht als Unternehmen im Dienst der Wissenschaft und der KĂŒnste gesehen, sondern als Teil seines Missionierungswerks und Vehikel seines exaltierten Glaubens. „Ein GesprĂ€ch unter Freunden ĂŒber die Möglichkeiten des Menschen im Horizonte seiner Gottebenbildlichkeit sollten letztlich LAVATERs 'Physiognomische Fragmente' sein.“ (M.E.Hirzel. J.C.Lavater – „Der Hoffer des selten Gehofften“, S.7, in: Zwingliana XXVIII, ZĂŒrich 2001). Der misswĂŒchsige LICHTENBERG, der zeitlebens an der Physiognomik bzw. Pathognomik interessiert war, hatte sich frĂŒh wegen LAVATERs Tendenz, einzig aus dem Aussehen eines Menschen moralische Urteile zu fĂ€llen schon aus persönlicher Betroffenheit zurĂŒckgezogen und gegen die (Trivial-) Physiognomen vom Schlage LAVATERs polemisiert ("Ueber Physiognomik wider die Physiognomen" 1777; "Fragment von SchwĂ€nzen" 1777, gedruckt 1783). GOETHEs Interesse an der Physiognomik reicht bis in seine Zeit in Leipzig zurĂŒck, wo er als SchĂŒler STOCKs und OESERs seine Zeichenkunst besonders gern an Portraits ĂŒbte, wie E.v.d.Hellen aus den Briefen dieser Jahre nachweist. Schon vor der Bekanntschaft mit LAVATER las er die Physiognomik betreffende Schriften. HERDER hatte sich schon 1766 kritisch, aber letztlich zustimmend mit physiognomischen Ideen auseinandergesetzt. Und schon vor LAVATERs Veröffentlichungen war die BeschĂ€ftigung mit der Physiognomik weit verbreitet, einhergehend mit einer Leidenschaft fĂŒr das Silhouettieren. „Die gegen 1760 von Frankreich herĂŒbergekommene (Neu-) Erfindung der Silhouette dĂŒrfte das physiognomische Interesse wo nicht erweckt, so doch lebhaft gefördert haben. Sie wurde mit grosser Freude begrĂŒsst, und kein Briefwechsel jener Jahrzehnte entbehrte der Beilagen grosser oder (mittels des Storchschnabels) in’s Kleine gezeichneter Schattenrisse ... Das Silhouettieren ward allgemeine Mode, und aus der Mode entwickelte sich ... die als Wissenschaft auftretende Physiognomik sowol als die dilettantische Gesichts-deuterei.“ (E.v.d.Hellen, Goethes Anteil an Lavaters Physiognomischen Fragmenten, S.5 Anm.). Die Mitarbeit GOETHEs an den "Physiognomischen Fragmenten" geht wohl auf HERDER zurĂŒck, „der am 10.Januar 1774 LAVATER den Rat erteilte, sich, [wegen physiognomischer Zeichnungen] wie an FÜSSLI und CHODOWIECKI, so auch an GOETHE zu wenden, der ‚ein grosser Zeichner‘ sei.“ (a.a.O. S.14). LAVATER hat dies umgehend getan und wĂ€hrend seines Besuchs bei GOETHE in Frankfurt im Juni d.J. wurde die Zusammenarbeit intensiv besprochen. Schon da wurde aber auch deutlich, dass GOETHE „den Hauptaccent auf deren Wert fĂŒr die Kunst legte, nicht wie LAVATER auf die Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe.“ (a.a.O. S.15). GOETHEs Mitarbeit geht weit ĂŒber die bekannten eigenen AufsĂ€tze und Zeichnungen hinaus. Durch seine HĂ€nde gingen sĂ€mtliche Texte der ersten beiden BĂ€nde, die er redaktionell und stilistisch bearbeitete, bevor er sie an REICH weiterleitete. Diese Arbeit ist auch fĂŒr den dritten Band noch belegt, jedoch ließ sein Interesse da schon spĂŒrbar nach, er lieferte keine BeitrĂ€ge mehr, wollte auch nicht mehr namentlich genannt werden. Der vierte Band erschien ohne seine Mitarbeit, jedoch weist v.d.Hellen in seiner akribischen Untersuchung auch hier noch zahlreiche Spuren GOETHEs in LAVATERs BeitrĂ€gen nach. Zwar erfolgte der endgĂŒltige Bruch mit LAVATER erst 1782, jedoch mag die Entfremdung von LAVATERs so ganz anders gearteter Persönlichkeit bereits hier ihren Anfang haben. GOETHE pflegte spĂ€ter seine Teilhabe wider alle auch damals bekannten Tatsachen zu marginalisieren, was dem Ansehen des großen Werks nachhaltig geschadet hat. Jedoch wĂ€re es ohne ihn zumindest in dieser Form wohl nicht zustande gekommen. GOETHEs osteologischen Forschungen und damit seine Entdeckung des Zwischenkieferknochens haben in diesbezĂŒglichen Arbeiten fĂŒr die "Physiognomischen Fragmente" ihren Ursprung (vgl. Schmid, Goethe und die Naturwissenschaften 1, sowie 113 u.ö.). Ihre ĂŒberwĂ€ltigende Verbreitung, die „physiognomische Raserei“ (Lichtenberg) in allen Gesellschaftsschichten brachte die Physiognomik bei den Gelehrten in Deutschland bald in Verruf, wenn auch ein A.V.HUMBOLDT sich noch Jahrzehnte spĂ€ter dazu bekannte und das Interesse an ihr bis heute fortwirkt. Das Ă€ndert nichts an der Tatsache, dass die "Physiognomischen Fragmente" den Geist des Sturm und Drang mit seiner emphatischen Betonung der IndividualitĂ€t in einzigartiger Weise authentisch und reprĂ€sentativ zugleich, wegen der herausragenden Mitarbeiter wie auch wegen seiner Ausstattung die GenieĂ€sthetik dieser Jahre spiegeln. „Es ist trotz allen Spottes, der darĂŒber ... ausgeschĂŒttet ist ... eine bedeutende Schöpfung genialer Menschen, und man könnte es mit einem Worte des jungen GOETHE als einen vortrefflichen Text zu allem bezeichnen, was sich ĂŒber das Geistesleben unseres achtzehnten Jahrhunderts sagen und empfinden lĂ€sst. Diesen Ruhm muss das grosse Werk behalten, solange jene krĂ€ftig treibende Zeit die Menschen der Zukunft einladen wird zum Forschen und Erkennen, zum Lernen und Nacheifern.“ (v.d. Hellen, op.cit. S.242).
 
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